Hessische Bedarfsgewerbeverordnung teilweise nichtig

Hessische Bedarfsgewerbeverordnung teilweise nichtig - 5.0 out of 5 based on 1 vote
Drucken und PDF
1 1 1 1 1 Bewertung 5.00 (1 Stimme)
Beitragsbild VORGERICHT620

Das Hes­si­sche Be­darfs­ge­wer­be­ver­ord­nung ist in­so­weit nich­tig ist, als sie eine Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern an Sonn- und ge­setz­li­chen Fei­er­ta­gen in den Be­rei­chen Vi­deo­the­ken und öf­fent­li­che Bi­blio­the­ken, Call­cen­tern und Lot­to- und To­to­ge­sell­schaf­ten zu­lässt. So­weit die Ver­ord­nung eine sol­che Be­schäf­ti­gung in den Be­rei­chen Braue­rei­en, Be­trie­be zur Her­stel­lung von al­ko­hol­frei­en Ge­trän­ken oder Schaum­wein, Fa­bri­ken zur Her­stel­lung von Roh- und Spei­se­eis zu­lässt, ist keine ab­schlie­ßen­de Ent­schei­dung über die Gül­tig­keit der Ver­ord­nung ge­trof­fen, weil es an aus­rei­chen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen der Vor­in­stanz fehl­te. Hin­ge­gen ist die Ver­ord­nung für wirk­sam be­fun­den, so­weit sie eine Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern an Sonn- und ge­setz­li­chen Fei­er­ta­gen in dem Be­reich des Buch­ma­cher­ge­wer­bes zu­lässt. Das hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden. 

Hintergrund: Nach dem Ar­beits­zeit­ge­setz dür­fen Ar­beit­neh­mer an Sonn- und ge­setz­li­chen Fei­er­ta­gen grund­sätz­lich nicht be­schäf­tigt wer­den. Das Ar­beits­zeit­ge­setz sieht hier­von zahl­rei­che Aus­nah­men vor und er­mäch­tigt u. a. die Lan­des­re­gie­run­gen, wei­te­re Aus­nah­men zur Ver­mei­dung er­heb­li­cher Schä­den unter Be­rück­sich­ti­gung des Schut­zes der Ar­beit­neh­mer und der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he für Be­trie­be zu­zu­las­sen, in denen die Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern an Sonn- oder Fei­er­ta­gen zur Be­frie­di­gung täg­li­cher oder an die­sen Tagen be­son­ders her­vor­tre­ten­der Be­dürf­nis­se der Be­völ­ke­rung er­for­der­lich ist, so­fern die Ar­bei­ten nicht an Werk­ta­gen vor­ge­nom­men wer­den kön­nen. Die Hes­si­sche Lan­des­re­gie­rung hat ge­stützt auf diese Er­mäch­ti­gung durch eine Rechts­ver­ord­nung (Hes­si­sche Be­darfs­ge­wer­be­ver­ord­nung) die Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern an Sonn- und Fei­er­ta­gen zeit­lich be­schränkt zu­ge­las­sen, u. a. in den Be­rei­chen: Vi­deo­the­ken und öf­fent­li­che Bi­blio­the­ken, Ge­trän­ke­indus­trie und -groß­han­del, Fa­bri­ken zur Her­stel­lung von Roh- und Spei­se­eis und Groß­han­del damit, Buch­ma­cher­ge­wer­be, Call­cen­ter sowie Lot­to- und To­to­ge­sell­schaf­ten. Auf Nor­men­kon­troll­an­trä­ge einer Ge­werk­schaft und von zwei evan­ge­li­schen Ge­mein­de­ver­bän­den hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Kas­sel die Ver­ord­nung in­so­weit für nich­tig er­klärt.


Neben Religionsgemeinschaften können auch Gewerkschaften gegen Verordnungen vorgehen

Auf die Re­vi­si­on des Lan­des Hes­sen hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die­ses Ur­teil teil­wei­se be­stä­tigt. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat neben Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten auch Ge­werk­schaf­ten die Be­fug­nis zu­er­kannt, ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Nor­men­kon­troll­an­trä­ge zu stel­len, die sich gegen un­ter­ge­setz­li­che Rechts­nor­men, wie Rechts­ver­ord­nun­gen der Lan­des­re­gie­run­gen, rich­ten, wel­che dem Schutz der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he die­nen sol­len, nach Auf­fas­sung der Ge­werk­schaft aber hin­ter dem ge­setz­lich ge­bo­te­nen Schutz­ni­veau zu­rück­blei­ben.


Sachen können auch im Voraus geplant erworben werden von der Bevölkerung, so dass die Sonntagsruhe weiter eingehalten werden kann

In der Sache ist die Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern in Vi­deo­the­ken und öf­fent­li­chen Bi­blio­the­ken an Sonn- oder Fei­er­ta­gen zur Be­frie­di­gung an die­sen Tagen be­son­ders her­vor­tre­ten­der Be­dürf­nis­se der Be­völ­ke­rung nach einer Frei­zeit­ge­stal­tung nicht er­for­der­lich, weil DVDs, Com­pu­ter­spie­le oder Bü­cher für eine Nut­zung am Sonn- oder Fei­er­tag vor­aus­schau­end schon an Werk­ta­gen aus­ge­lie­hen wer­den kön­nen. Es stellt kei­nen er­heb­li­chen Scha­den i.S.d. des Ge­set­zes dar, wenn der Schutz der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he nicht hin­ter den Wunsch zu­rück­tre­ten muss, spon­tan auf­tre­ten­de Be­dürf­nis­se auch so­fort er­füllt zu be­kom­men. Aus den glei­chen Grün­den ist eine Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern an Sonn- und Fei­er­ta­gen in Lot­to- und To­to­ge­sell­schaf­ten zur elek­tro­ni­schen Ge­schäfts­ab­wick­lung nicht er­for­der­lich. So­weit die Ver­ord­nung eine Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern an Sonn- und Fei­er­ta­gen in Call­cen­tern zu­lässt, ist sie mit der ge­setz­li­chen Er­mäch­ti­gung nicht ver­ein­bar, weil sie eine sol­che Be­schäf­ti­gung in allen ge­gen­wär­tig und künf­tig vor­han­de­nen Call­cen­tern zu­lässt, gleich­gül­tig für Un­ter­neh­men wel­cher Bran­che oder für wel­chen Tä­tig­keits­be­reich das Call­cen­ter tätig wird. Dass der Be­trieb von Call­cen­tern in die­sem Um­fang er­for­der­lich ist, um täg­li­che oder an Sonn- und Fei­er­ta­gen be­son­ders her­vor­tre­ten­de Be­dürf­nis­se der Be­völ­ke­rung zu be­frie­di­gen, lässt sich nicht fest­stel­len.


Herstellung von Speiseeis an Sonntagen muss es erforderlich machen, dass sonst langfristig der Eisbedarf nicht gedeckt werden kann

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs ist die Zu­las­sung einer Be­schäf­ti­gung von Ar­beit­neh­mern in den Be­rei­chen der Ge­trän­ke­indus­trie und den Fa­bri­ken zur Her­stel­lung von Roh- und Spei­se­eis sowie dem damit zu­sam­men­hän­gen­den Groß­han­del nicht schon des­halb nich­tig, weil der­ar­ti­ge Aus­nah­men wegen ihrer We­sent­lich­keit für den Sonn- und Fei­er­tags­schutz nur durch den par­la­men­ta­ri­schen (Bun­des-)Ge­setz­ge­ber, nicht aber durch eine bloße Rechts­ver­ord­nung einer Lan­des­re­gie­rung hätte zu­ge­las­sen wer­den dür­fen. Die Pro­duk­ti­on in die­sen Be­trie­ben ist al­ler­dings nur dann auch an Sonn- und Fei­er­ta­gen zur De­ckung täg­li­cher Be­dürf­nis­se der Be­völ­ke­rung er­for­der­lich, wenn die Ka­pa­zi­tä­ten der Her­stel­ler nicht aus­rei­chen, um ohne eine Pro­duk­ti­on rund um die Woche auch in Spit­zen­zei­ten der Nach­fra­ge, also ins­be­son­de­re im Som­mer bei län­ger an­hal­ten­den Hit­ze­pe­ri­oden, einen dann ge­ge­be­nen er­höh­ten Be­darf täg­lich de­cken zu kön­nen. Hier­zu feh­len bis­her tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen. Des­halb hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in­so­weit die Sache zur wei­te­ren Klä­rung des Sach­ver­halts an den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zu­rück­ver­wei­sen.


Bei der Annahme von Wetten handelt es sich um einen spezifischen Bedarf der Annahme, der nur an dem Tag der Abgabe erfolgen kann, weshalb das Buchmachergewerbe sonntags öffnen d
arf

Die Be­schäf­ti­gung im Buch­ma­cher­ge­wer­be durf­te an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu­ge­las­sen wer­den. Sie be­zieht sich nach der Ver­ord­nung nur auf die Ent­ge­gen­nah­me von Wet­ten für Ver­an­stal­tun­gen, die an die­sen Tagen statt­fin­den und für die sich des­halb aus an­de­ren Vor­schrif­ten er­ge­ben muss, dass sie an die­sen Tagen etwa aus Grün­den der Frei­zeit­ge­stal­tung der Be­völ­ke­rung auch statt­fin­den dür­fen. Fer­ner dür­fen die Wet­ten nur an der Stät­te der Ver­an­stal­tung ent­ge­gen ge­nom­men wer­den. Er­fasst wer­den damit ins­be­son­de­re Renn­sport­ver­an­stal­tun­gen, etwa auf Pfer­de­renn­bah­nen. In­so­weit han­delt es sich bei der An­nah­me von Wet­ten um einen spe­zi­fi­schen Sonn- und Fei­er­tags­be­darf, der als Be­stand­teil des Frei­zeit­er­leb­nis­ses, um nicht den Frei­zeit­ge­nuss ins­ge­samt zu ge­fähr­den, nur an Ort und Stel­le be­frie­digt wer­den kann.

BVerwG, Urteil vom 26.11.2014, Aktenzeichen 6 CN 1.13 

QUELLE: Bundesverwaltungsgericht

 


Kostenlos für Sie: Der advofinder Newsletter




Jetzt abonnieren und immer auf dem Laufenden bleiben.



Ich bin:

Ungültige Eingabe


Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein



advofinder.de bei: